Cornelia Rüther

Corona - Das Paradies ist abgeschlossen
Die Quelle allen Lebens aber fließt immer

90 x 90 qm² Öl auf Leinwand

Die Malerei läuft über die 4cm hohen Kanten des Bildes weiter. So ist das Gemälde zugleich ein Objekt.

In dieser zehntausend Quadratmeter großen Gartenarbeitsschule in Berlin Friedrichshain-Kreuzberg (s. Bildausschnitt) habe ich ein „Kunst- und Natur-Projekt“ geleitet. Es ist ein grüner Lernort für Kinder. Wir nennen diesen Garten Paradies. Endlich wollte ich die alten blühenden Obstbäume mit den so bunten Federtieren darunter malen. Da sagte mir die Gartenchefin, dass bis auf Weiteres diese staatliche Einrichtung geschlossen bliebe. In diesem Jahr kämen auch keine Kinder. Die Gärtner bestellten alle Beete selber, um einen Wucherschaden zu verhindern. Dieser könnte Folgen für die nächsten zwei bis drei Jahre haben. „Ich verdiene nicht genug Geld, um ihnen das Malen zu erlauben, sagte sie. Malen sie doch alles von draußen durch Netz, Gitter und Drahtzaun.“ Absurd, denke ich, ja, das male ich. So stellte ich mich auf die Straße mit meiner Staffelei, Leinwand, Farben und Pinsel vor das abgeschlossene Paradies. Und plötzlich war ich mittendrin in einem Geschehen.

Alle Vorübergehenden nahmen begeistert Anteil: „Toll, dass sie das malen. So ist das.“ „Wir sind alle vernetzt,“ bemerkte ein anderer. Ein Obdachloser staunte und rief begeistert: „Das ist eine von uns. Ja, die Künstler sind's“ „Oh, da drüben steht eine und malt. Die kann das bestimmt richtig. Komm wir gehen rüber und gucken“ Die Kinder kamen ohne ihre Eltern extra zurückgerannt, um mir zu sagen: „Das ist wunderschön.Wir malen jetzt auch zuhause und langweilen uns nicht mehr.“

Die Menschen kamen aus den anliegenden Häusern nach einigen Tagen. Sie hatten während ihres Homeoffice alles vom Balkon aus beobachtet und wollten nun das Bild sehen.

„Oh, eine Freiluftgalerie. Kreativität ist heilsam,“ bemerkten sie. Die Passanten unterbrachen ihre Gespräche und sagten strahlend: „Es ist wunderhübsch.“

Ab dem achten Maltag waren sich alle einig: Es ist ein Kunstwerk. Ich bin sehr berührt, dass diese Menschen sich alle für Malerei begeistern und sofort verstehen, warum ich das male. Sie trauen den Künstlern zu, dass sie in ihren Kunstwerken Wesentliches wunderhübsch ausdrücken können.

Ein Freund sagte über das Bild, Es sei impressionistisch. „Es ist der Coronastil,“ antwortete ich. Da ich nur Durchblicke durch Maschendraht, Netz und Gitter erhalte, habe ich als Kunstmittel mit einem schmalen Pinsel das gesamte Bild gemalt. So konnte ich alles ineinander fließen lassen.

Durch das Grau von Netz, Maschendrahtzaun und deren Überlagerungen, Sonnenstand sowie die Perspektive darauf ergibt sich eine Verdichtung von Grau. So sind mehrere Bilder in dem einen zu finden. Außerdem kamen mir Gedanken an Homeoffice vielerlei Einschränkungen für uns Menschen, dass ich das auch als eine Corona-Graudichte empfinde. Für mein Bild habe ich eine Vielfalt an Grautönen gefunden, weil das Licht so lebendig ist. Voll Freude entdeckte ich die Farbigkeit der Schatten. Z.B. gibt es kein Schwarz in der Natur, weil es eine zu niedrige Schwingung hat, um sich an dem lebendigen Prozess zu beteiligen. Darum verwende ich das nicht in meiner Malerei. Sie können selbst bei einem schwarzen Hund, Vogel, Katze und Haaren im Sonnenlicht entweder Rot-Grün oder Blau-Töne entdecken.

Mein Sohn sagte beim Betrachten meines Bildes, ich sei eine Journalistin, die ein Interview mit der Natur führe und alles wahrheitsgetreu wiedergäbe. So wurde alles um mich herum selbstredend zu einem Projekt.

Am siebten Maltag bekam ich Schmerzen am Herzen. Es war Trennungsschmerz. Sonst gehe ich barfuß durch das Gras, berühre die Baumrinde, fasse Blätter und Blüten an, finde vielleicht eine Feder, stelle mich unter einen Baum, höre die Bienen summen, rieche die Süße der Apfelblüten, fühle mich in alles hineingehörend, aus ein und der selben Quelle allen Lebens kommend. Ich kann nur malen, was ich liebe. Erst dann sehe und erfasse ich es. So liebte ich gleichermaßen Natur, Maschendrahtzaun, Netz und Gitter. Dann spielt alles ineinander. Der Spatz hat sich für einen Moment im Zaun verfangen, hält sich fest bis er einen Ausweg findet. Links im Bild ist beim Malen einfach ein Weg entstanden. In Wirklichkeit gibt es ihn dort nicht. Gehen könnte ihn z.Zt. niemand. Aber jeder findet einen Weg hinein in „das abgeschlossene Paradies“.

Auf meinem Nachhauseweg ging ich unter einer riesigen Kastanie hindurch, blickte in Ihre Krone bis in den Himmel hinauf. Sofort war mein Kopf frei. So hilft uns die Natur.

Jetzt male ich Gartenbilder und Seerosen. Gerne nehme ich auch individuelle Aufträge an.
Preise auf Anfrage.